Tantrische Philosophie für Laien: Was ist die Ursache für Befreiung?

Von Christopher Wallis – Übersetzung von Daniela Meixner und Brigitte Heinz

Der große tantrische Gelehrte Abhinavagupta (Kashmīr Tal, ca. 1.000 n. Chr.) hat uns eine außergewöhnliche Definition für spirituelle Befreiung gegeben – das Ziel jeder Form von  Yoga – in seinem Meisterwerk “Licht auf die Tantras” (Tantrāloka), eine Definition, die den Tantra von seinen religiösen und intellektuellen Fallstricken befreit :

Befreiung (mokṣa) unterscheidet sich nicht vom Selbst, welches in seiner wahren Natur unendlich frei ist. Das ist weder eine unbedeutende Kleinigkeit, noch etwas aus dem man eine große Sache macht. So gesehen braucht man noch nicht mal einen eigenen Namen dafür. || 1.31

In anderen Worten, da Befreiung (in anderen Kontexten auch ‘Wachheit’ oder ‘Gewahrsein’ genannt, Skt. bodha) deine bereits existierende wahre Natur ist, sollten wir keinen eigenen Begriff dafür benennen (wie z.B. ‘Erleuchtung’), weil dabei die Gefahr besteht, ein Objekt daraus zu machen, etwas-das-man-erreichen-soll, von dem wir noch entfernt sind . In Wahrheit ist es das was Du wirklich bist. Wie also soll jemand seine eigene wahre Natur entdecken und vollständig erschließen? Indem derjenige demütig anerkennt, dass sein Blick auf die Realität äußerst unvollständig ist:

Zunächst einmal wird in unserem [tantrischen] System in allen Schriften erklärt, dass eine unvollständige Sichtweise (ajñāna) die Ursache für den Kreislauf des Leidens ist, und volle Einsicht/Erkenntnis (jñāna) die alleinige Ursache für  Befreiung. || 1.22

Das ist der Dreh- und Angelpunkt von Abhinavaguptas gesamter Philosophie. Denn das einzige ,Problem’ ist die Ignoranz (diese definiert  er sowohl als ,den Glauben an etwas das nicht wahr ist‘, als auch als ,nicht sehen was wahr ist‘). Doch diese Einsicht (jñāna) ist kein Gedanke; sie ist ein nicht verbales, nicht konzeptionelles (nirvikalpa) klares Sehen. Diese Einsicht ist alles wonach wir suchen müssen, er sagt uns: Alle anderen Formen religiöser Aktivität sind einfach nur Wege, sich die Zeit zu vertreiben, so wie es Spielzeuge für Kinder sind. (Aber Abhinava lehrte auch, dass sogar rituelle Handlungen zu innerer Einsicht führen können, obwohl das für gewöhnlich nicht der Fall ist.)

Woher wissen wir, dass Abhinava nicht über eine Form von konzeptuellem, verbalisierbarem Wissen spricht, wenn er das Wort jñāna verwendet? Weil er sagt:

[Unsere grundlegende Schrift], das Mālinīvijayottara, widerlegt vergebliche Spekulationen darüber, welche Form intellektuellen Wissens zur Befreiung führen  könnte. Denn [da sich alles] an die Aktivierung des Kreislaufs des Leidens (saṃsāra) anschließt [kann es somit dessen Ursache nicht angehen]. In dieser Schrift heißt es schlicht: Da, wo es diese [missverstandenen Ansichten über die Natur des Selbst und die Realität] nicht gibt, da ist Befreiung. || 1.24

Wenn man also Ignoranz beseitigt – und zwar sowohl im Sinne von festgehaltenen Überzeugungen deren Ausrichtung nicht mit der Realität übereinstimmt, als auch der Unfähigkeit zu erkennen was wahr ist – entsteht Einsicht ganz automatisch. Wie könnte es auch anders sein, wenn die Einsicht über die wir sprechen eine Art nicht-konzeptionelles direktes Erkennen der Natur der Realität ist? Unser Fokus sollte sich darauf richten, unsere Sichtweise der Dinge allumfassend auszudehnen, sowie mentale Konstrukte aufzulösen, die uns davon abhalten klar zu sehen (vikalpas; diese diskutiert Abhinava ausführlich an anderer Stelle). (Abhinava hätte die Geschichte des Königs, der sich die Gestalt eines Elefanten von blinden Gelehrten erzählen lässt, sicher sehr gemocht). Bemerkenswert ist hier, wie unterschiedlich beide Ansätze sind im Vergleich zur weit verbreiteten religiös motivierten Agenda, die ,richtigen’ Gedanken zu denken (man mag es Dogma, Glaube oder Doktrin nennen, im Grunde ist es dasselbe). Er fährt mit der Definition für befreiende Einsicht/Erkenntnis wie folgt fort: 

Das was ein immer tieferes Gewahrsein der zu-erkennenden-Realität enthüllt, gemeinsam mit den Prinzipien (tattva) [die es ausmachen], ist was ich ‘wahre Einsicht’ nenne, (jñāna) die [natürlicherweise] immer allumfassender wird, und die verschiedenen Kreisläufe des Leidens beendet. || 1.32 

Zusammengefasst präsentiert uns der tantrische Weg einen radikalen Vorschlag: Wir alle sind bereits befreite Wesen – und unser einziges Problem (überhaupt) ist lediglich ein Mangel an Gewahrsein oder fehlgeleiteter Aufmerksamkeit. Sollte dich der letzte Satz verwirren, bedenke folgendes: 

Wir sind es gewohnt unsere Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was nebensächlich und kurzlebig ist (alles was mit Worten benannt werden kann), und weniger auf das, was wahr und unvergänglich ist (was nicht benannt werden kann und daher in unserer Kultur keinen Wert hat). Wenn wir beispielsweise unsere Aufmerksamkeit auf unsere Identitätskonstrukte lenken („Ich bin ein Amerikaner”, „Ich bin ein Hindu”, „Ich bin ein guter Mensch”, „Ich bin innerlich kaputt”, u.s.w.) geben wir ihnen Energie (die Energie des Bewusstseins!). Durch diese Energie ,wachsen‘  sie unproportional in unserem Bewusstsein, was dazu führt dass wir ihnen noch mehr Energie geben – bis wir davon überzeugt sind, dass diese Konstrukte die Realität sind. Wir vergessen, dass sie nichts als Gedanken sind, Gedanken die möglicherweise ein kleines Stück Realität transportieren, welche die Realität aber nicht beschreiben oder an ihre Stelle treten können – keine unserer Erzählungen wird je der komplexen Realität entsprechen. Wie auch immer, wenn wir lernen dem Gewahrsein an sich mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dem, dessen wir uns gewahr werden, wird die zeitlose Stille und Vollständigkeit des Bewusstseins selbst allmählich immer tiefer fühlbar. Gewahrsein ist der unveränderliche Urgrund aller Gedanken, der ,Himmel’ auf dem die verschiedenen Arten des ,Wetters’ – Gedanken, Gefühle, etc. – kommen und gehen. Wenn du mit der Zeit lernst, dem Himmel mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dem Wetter, wirst du unmittelbar erfahren wovon Abhinava spricht: du BIST in deiner wahren Natur bereits befreit. Die Tatsache, dass du momentan deine Freiheit dazu benutzt, um deine ,Geschichten’ zu füttern, bis sie dir wahr erscheinen und dich binden, ist ein weiterer Beweis für diesen Aspekt. Du bist frei in einem solchen Maße, dass du dich frei entscheiden kannst gebunden zu sein.

Da Gewahrsein kein Gegenstand, Phänomen oder eine Erfahrung ist, ist es unveränderlich. Wie ein großer Meister der Meditation es ausdrückte: „Gedanken kommen und gehen. Gefühle kommen und gehen. Erfahrungen kommen und gehen. Finde heraus was bleibt.” Wenn du die ganze Realität aus der Perspektive des unveränderlichen Urgrunds deines Wesens betrachtest, so ist DAS ist die wahre ,Einsicht’ nach Abhinavaguptas Verständnis des Wortes.  

~ ~ ~

Gewahrsein ist reine Leere, erfüllt von allen Möglichkeiten.” – eine Lehre der Krama Traditionslinie.

~ ~ ~

Die vier Verse können hier in ihrem ursprünglichen Kontext betrachtet werden.

NACHTRAG: Selbstverständlich ist das Problem von fehlgeleiteter Aufmerksamkeit auf jede Art von Glaubenssätzen alles andere als nebensächlich, da es ganz unmittelbar zu allen möglichen Gräueltaten in der Welt führt. Menschliche Wesen verletzen und töten einander, weil sie den Gedanken in ihrem Kopf Aufmerksamkeit schenken, und weil sie an die Gedanken in ihren Köpfen glauben (dies gilt besonders für  Identitätskonstrukte). Das ist die direkte Ursache von allem Streit. Wie könnte sonst Gewalt beispielsweise zwischen Hindus und Muslimen entstehen, gäbe es nicht die Gedanken „Ich bin ein Hindu” und „Ich bin ein Moslem”? 

Und damit du all dies nicht für eine Art anti-intellektuelle Philosophie hältst: Du musst nicht daran glauben, dass Gedanken als Werkzeuge der Realität zu gebrauchen sind. Wie vieles andere sind Gedanken nur eine der Möglichkeiten, um mit der Realität zu interagieren. Du kannst einen Hammer verwenden um zu töten, oder um einen Zufluchtsort zu bauen, oder du kannst ihn einfach liegen lassen. Eins gilt jedoch für alle Gedanken: GEDANKEN SIND WERKZEUGE, NICHT WAHRHEITEN.

Anmerkung: Hier folgen die Sanskrit Verse, die ich oben übersetzt habe (bitte beachte, dass Abhinavas Sanskrit sehr elliptisch und fachbezogen ist, und nur von jemandem übersetzt werden kann, der seine Denkweise versteht, das habe ich selbst (Hareesh) auf die harte Tour lernen müssen): 

स्वतन्त्रात्मातिरिक्तस् तु तुच्छो ऽतुच्छो ऽपि कश्चन ।
न मोक्षो नाम तन् नास्य पृथङ्नामापि गृह्यते॥ ३१
svatantrātmātiriktas tu tuccho ‚tuccho ‚pi kaścana /
na mokṣo nāma tan nāsya pṛthaṅnāmāpi gṛhyate // 1.31

इह तावत् समस्तेषु शास्त्रेषु परिगीयते ।
अज्ञानं संसृतेर् हेतुर् ज्ञानं मोक्षैककारणम् ॥ २२
iha tāvat samasteṣu śāstreṣu parigīyate /
ajñānaṃ saṃsṛter hetur jñānaṃ mokṣaika-kāraṇam // 1.22

विशेषेणेन बुद्धिस्थे संसारोत्तरकालिके।
सम्भावनां निरस्यैतदभावे मोक्षम् अब्रवीत्॥ २४
viśeṣeṇena buddhi-sthe saṃsārottara-kālike /
sambhāvanāṃ nirasyaitadabhāve mokṣam abravīt // 1.24

यत् तु ज्ञेयसतत्त्वस्य पूर्णपूर्णप्रथात्मकम्।
तद् उत्तरोत्तरं ज्ञानं तत् तत् संसारशान्तिदम्॥ ३२
yat tu jñeya-sa-tattvasya pūrṇa-pūrṇa-prathātmakam /
tad uttarottaraṃ jñānaṃ tat tat saṃsāra-śānti-dam // 1.32


Von Christopher Walliswww.hareesh.org

Übersetzung von Daniela Meixner und Brigitte Heinz

Englischer Orginalartikel:
Tantrik philosophy for the layperson: What is the cause of liberation?